Fee Feuer.

Worte. Bilder. Geschichten. Die Wahrheit. Ein paar Lügen. Herz. Blut.

Monat: Januar, 2011

Vom Verlassen.

Ich habe ihn nach Hause gebracht.

Ich habe ihm die Schuhe von den Füßen geschnürt.

Ich habe ihn zugedeckt.

Ich habe das Fenster gekippt.

Ich habe den Vorhang geschlossen.


Ich habe die Kaffeemaschine für den nächsten Morgen gefüllt.

Ich habe die Zeitung, die im Briefkasten war, auf den Tisch gelegt.

Ich habe seinem besten Freund geschrieben.

Ich habe das Licht gelöscht.


Ich habe die Tür hinter mir zugezogen.

Ich bin gegangen, um nicht wiederzukommen.


Die Liebe hat nicht gefehlt.

Sie hat nicht gereicht.


Für L.

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Robert auf den Dächern.

„…An der Türklingel stand kein Nachname. Nur Robert in blauer Kugel-schreibertinte auf ein Stück Kreppband geschrieben. Er würde nicht bleiben, das wusste ich…“

Eine Sommererzählung von Hinterhöfen, Globuslampen und Gratwanderern.

Fünf Minuten Prosa. Zum Anhören.

Klick:

Robert auf den Dächern.

Robert kam mit blechernen Schritten. Ich saß auf dem Fensterbrett im obersten Stockwerk, als Robert auf der anderen Seite des schmalen Innenhofs über das Blechdach stieg und sich neben den steinernen Kamin setzte. Er zog ein Buch hervor und begann in der Abendsonne zu lesen. Der Geruch seiner Zigarette wehte zu mir herüber. So sah ich ihn zum ersten Mal. Er war wohl ein paar Tage zuvor hierher gezogen, doch das Haus war groß und wir waren uns nie begegnet. Nach einer Weile bemerkte er meinen Blick. Er hob die Hand und winkte. Ich tat es ihm gleich. »Was liest du?«, fragte ich ihn. Meine Stimme hallte durch den Hof. Robert hob sein Buch. »Kerouac«, rief er, »Unterwegs«. Ich kannte es nicht. »Ich bin Robert«, sagte er dann und fragte nach meinem Namen. Da war etwas so Vertrautes an dieser Situation – er auf dem Dach und ich auf meinem Fensterbrett, zwischen uns nur der Innenhofschacht – viel intimer, als eine Begegnung auf der Straße oder im Treppenhaus. Das Klingeln des Telefons holte mich vom Fenster weg. Als ich zurückkehrte, war Robert verschwunden.

Am nächsten Morgen baumelte ein Päckchen vor meinem Fenster. Robert hatte es mit einer Schnur an der Dachrinne festgebunden. Es war eine in Packpapier gewickelte Ausgabe von Unterwegs. Auf das Vorsatzpapier hatte er eine Einladung zum Abendessen geschrieben. Im Postscriptum hieß es, falls ich nicht über die Dächer gehen wolle, dürfe ich auch seine Wohnungstür benutzen. An der Türklingel stand kein Nachname. Nur Robert in blauer Kugelschreibertinte auf ein Stück Kreppband geschrieben. Er würde nicht bleiben, das wusste ich.

Ich war nicht der Mensch, der ihn greifen konnte und ich versuchte es auch nicht zu sein. Nicht an diesem Abend und auch nicht an all denen, die in diesem Sommer folgen sollten. Wir haben uns Kerouac vorgelesen. Wir sind über das ganze Dach geklettert. Wir haben verkehrt rum in seinem Bett geschlafen. Ich habe ihm Zigaretten gedreht und er hat meine Haare geflochten. Wir haben den leuchtenden Globus, den er als Lampe benutzte, ins Fenster gestellt und die Mücken beobachtet, die die Welt umschwärmten. So laut wir konnten, haben wir Sinatra in den Hinterhof gesungen. Wir haben jeden Tag Spagetti gekocht. Wir haben uns geliebt.

Ich erzählte niemandem von dem Mann, der so plötzlich auf meinem Dach aufgetaucht war, um in der Abendsonne zu lesen. Ich hätte keine Antworten für die Fragen gehabt. Ob wir ein Paar sind. Wer Robert ist. Was er beruflich macht. Wir sprachen nicht darüber, woher wir kamen oder wohin wir gehen wollten. Es war einfach ihn zu lieben. Für seine Flüchtigkeit. Für seine Anwesenheit, die seine Nichtanwesenheit vorwegnahm. Für sein ich-bin-nichts-das-bleibt. Nie konnte ich mit Sicherheit sagen, wie es ihm ging. Nur manchmal schien etwas, das ich tat, ihn an jemand zu erinnern. Dann sah er mich an, wie ein geschlagenes Tier, als würde er sich ducken wollen, als würde er zusammenzucken. Im nächsten Moment war der Blick verschwunden. Ich fragte nicht nach. Es genügte mir zu wissen, dass er ein Gratwanderer war.

Ihn zu lieben war wie auf Scherben zu gehen. Nur kann ich nicht beschreiben, warum es so viel kostbarer war auf Scherben zu laufen, als überall dort, wo ich problemlos hätte gehen können. Ein scherbenloser Boden hatte keinen Reiz für mich. Nicht in diesem Sommer und nie mehr danach, als Robert schon lange fortgegangen war.

Er ist ausgezogen, irgendwann, und wir haben uns nicht wiedergesehen. Das Kreppband mit seinem Namen war abgerissen worden und hinterließ einen klebrigen Fleck neben der Klingel. Das Dach vor meinem Fenster blieb leer, so wie ich es kannte, bevor er dort aufgetaucht war. Ich dachte, ich hätte mir vorstellen können, ihn auch anderswo zu treffen. Ich dachte, ich hätte mir seine Telefonnummer merken können. Doch es war eine anstrengende, eine undeutliche Vorstellung. Wie die leichte Unschärfe am Rand eines Bildes, das mit einer Wegwerfkamera aufgenommen wurde.

Nichts weiter.

Ich wollte doch nicht viel von dir:

Nichts weiter hättest du tun müssen, als im Gras zu liegen und in die Sonne zu blinzeln. Ich wollte ein Grashalmorchester mit dir gründen, Kronen aus Löwenzahn flechten und aus den Linien in deiner Hand lesen, ob die Sonne morgen scheint und wie viel Kugeln Eis du dir später kaufen wirst.

Ich hätte dich gebraucht, um die Decke aus der Mittagssonne unter einen Baum zu tragen und am Nachmittag wieder aus dem Schatten heraus. Ich wollte die nackten Füße in den Fluß hängen lassen und später, wenn die Sonne untergeht, Bierflaschen aus dem Wasser fischen und Teelichter ins Gras stellen. Und dann hätte ich vielleicht gewollt, dass du mich küsst.

Nichts weiter als ein paar Stunden hätte ich von dir gewollt. Ein paar Tage. Oder die Möglichkeit eines Sommers. Vielleicht nicht einmal das. All diese Pläne schienen eher dafür gemacht, Erinnerungen zu werden, anstatt eine Gegenwart zu sein. Ich hätte keine Zeit festlegen können, keinen Ort bestimmen. Von zwei bis halb neun? Die Wiese am Monopterus? Nein. Das ist es nicht. Es ist ein Immer, es ist ein Nie. Es ist ein Hätte-sein-können, ein Vielleicht-irgendwann.

Nichts weiter.

Diese Obsession, Sätze zu tippen // Max Frisch.


Diese Welt ist falschrum.

Diese Welt ist falschrum // Oder du hältst sie falschrum // Ich hab lange gebraucht, um zu verstehen // dass immer nur Zeichen und nie Wunder geschehen.

(Tele – Falschrum)

Words don’t care.

These are my mother’s ballet shoes.

I danced for six years until my ballet instructor told me that I was too tall, my legs too long and apparently there was something wrong with my feet. She told me I was welcome to train more, have lessons six days a week, but in the end because of my body I would be nothing more than mediocre.

I dropped out of ballet school that day and returned to my first love: Writing. Paper doesn’t blush, ink is never judgmental and words don’t care if your legs are long.

Tired of reading? Listen to it!

Click:

Don’t say goodbye to me, describe the sky to me.

 


„Green Grass“ – Tom Waits