Sechsundachtzig Sekunden.

von Fee

An dem Tag, als ich ihn zum letzten Mal sah, hatte ich den Bus verpasst. Nur deswegen bin ich zu Fuß nach Haue gelaufen und er konnte mit seinem Auto neben dem Bürgersteig entlang fahren, die Scheibe herunterlassen und meinen Namen rufen, damit ich stehen bleibe. Hätte ich in dem Bus gesessen, wäre er wohl irgendwann daran vorbeigefahren, ohne mich zu bemerken und ich hätte in mein Buch gesehen, ohne ihn zu bemerken. Das letzte Treffen hätte dann drei Wochen zuvor stattgefunden, in dem Gemüseladen an der Ecke, wo ich gegen das Regal gelaufen war, als ich ihn erkannte und er mir beim Wiedereinräumen der Zucchini geholfen hatte. Weil ich aber den Bus nicht bekommen hatte, sah ich ihn zum letzten Mal auf der Straße in seinem Auto sitzen. Ich habe ihn überhaupt zuerst an seinem Auto erkannt, weil ihm nämlich der linke Außenspiegel fehlt. Ansonsten kenne ich mich mit Autos nicht aus. Ich kann die Marken nicht auseinanderhalten. Aber ich habe gelernt nach Autos Ausschau zu halten, denen der linke Außenspiegel fehlt. Es gibt nicht viele davon, wenn man einmal darauf achtet. Den Spiegel hat er nach einem Streit an meinem Hinterhoftor abgefahren. Ich habe den Krach gehört in der Nacht und am nächsten Morgen sah ich den Spiegel neben der Hofeinfahrt liegen. Auf dem Weg zur Arbeit habe ich ihn in eine Mülltonne geworfen. Das war nicht böse gemeint. Vielleicht hätte man ihn ja reparieren können. Aber zu diesem Zeitpunkt bestand zwischen uns die Übereinkunft, nie mehr miteinander zu reden. Wozu hätte ich den Spiegel also aufheben sollen? Später, nachdem wir eine neue Übereinkunft getroffen hatten, habe ich ihn gefragt, ob es erlaubt ist ohne Außenspiegel zu fahren, aber er sagte er würde aufpassen, also machte ich mir keine Sorgen.

An dem Tag, als ich den Bus verpasste und er neben dem Gehweg das Fenster herunterließ und meinen Namen rief, hatte ich das weiße Kleid an. Als ich ihn erkannte, war ich sehr froh darüber. Es ist das Kleid, in dem ich am meisten Komplimente bekommen habe (14), noch vor dem Samtrock (8) und dem Blumenkleid (5). Es spielt auch keine Rolle, dass ich den langen Parka darüber anhatte und er das Kleid eigentlich überhaupt nicht sehen konnte. Ich war mir sicher, dass er spürte, dass es da war. Hätte ich das Strickkleid (0) angehabt, das letzte Treffen wäre sicher anders verlaufen.

Die ersten Momente verschwendeten wir mit dem üblichen Smalltalk. Wir fragten, wie es uns geht (mir: gut; ihm: ganz passabel), woher wir kommen (ich: von der Arbeit; er: von zu Hause) und was wir so getrieben hatten in letzter Zeit (ich: nicht viel; er: nichts besonderes). Das Geheimnis ist, dass die ersten Momente solcher Treffen überhaupt nicht dafür gedacht sind, Informationen auszutauschen. Wenn man sich eine Weile nicht gesehen hat, und drei Wochen können durchaus als eine Weile bezeichnet werden, wenn es einmal eine Zeit gab, in der man sich täglich sah, dann dienen die ersten Momente dazu, den anderen ansehen zu dürfen. Trägt er die Haare kürzer? Ist sein Blick ein anderer? Habe ich den Leberfleck in seinem Mundwinkel vermisst? Es wäre sinnvoller sich nach der Begrüßung dreißig Sekunden Zeit zu nehmen, um sich gegenseitig zu betrachten, doch nur Liebespaaren ist es erlaubt so etwas zu tun und für alle anderen Umstände wurde der Smalltalk erfunden. Während wir die üblichen Fragen stellten und gängige Antworten gaben, blieb genug Zeit, um ihn zu betrachten und zu überlegen, ob ich mich freute ihn zu sehen.

Er sagte, er müsse zum Haus seiner Mutter. Die sei im Urlaub und er müsse der Zugehfrau aufmachen, die keinen eigenen Schlüssel besaß, weil seine Mutter niemandem außer ihrem eigen Fleisch und Blut traute. Etwas an diesem Satz verwirrte mich und ich konnte erst nicht sagen, ob es seine Mutter war, die soweit ich es mitbekommen hatte, nie Urlaub gemacht hatte, oder die Tatsache, dass sie eine Zugehfrau hatte oder warum sie der Zugehfrau keinen Schlüssel anvertraute und lieber ihren Sohn als Türöffner durch die halbe Stadt fahren ließ. Aber wahrscheinlich war es die Bezeichnung Zugehfrau, die er verwendete und die ich in meinem ganzen Leben sechs, höchstens sieben Mal gehört hatte. Ich nahm mir vor das Wort nachzuschlagen, gleich wenn ich nachhause kam und herauszufinden, was genau es bedeutete. Ist eine Zugehfrau mehr als eine Putzfrau? Ist es der respektvollere Begriff, so wie Flugbegleiterin statt Stewardess und Hairstylistin statt Friseuse? Währenddessen saß er schweigend in seinem Wagen und wartete darauf, dass ich fertig war. Er war der einzige, der gemerkt hatte, dass manche Sätze Fragen in mir auslösten, die mich weit weg von der Situation brachten, in der ich mich befand. Es ist sinnlos weiter mit mir zu reden, wenn dieser Vorgang einmal begonnen hat. Ich nehme es nicht mehr wahr. Die meisten Menschen betrachten mein Verhalten als unhöflich, weil sie denken, ich würde ihnen mit Absicht nicht zuhören oder sie halten mich für zurückgeblieben, weil ich so viel nicht mitbekomme. Ich kann es jedoch nicht steuern. Die Gedanken kommen über mich, wie das Wasser in einem Wellenbad, das dich hin und her schwingen lässt, auch wenn du zehn Finger in die Fugen der Beckenrandkacheln klammerst. Es schien ihm nie etwas auszumachen, dass er auf mich warten musste, wenn wir uns unterhielten. Deshalb habe ich es ihm auch nicht übel genommen, wenn er es ausnutzte, indem er in diesen Momenten Sätze aussprach, die ich nicht hören sollte und die sein Gewissen erleichterten. Wie die Sache mit Marie, aber davon weiß ich nichts. Ich habe es nicht gehört.

Wenn Menschen sich trennen, beginnen sie nach einer gewissen Zeit Dinge aneinander zu vermissen. Meistens ist das etwas, das sehr wenig mit dem bestimmten Menschen zu tun hat, sondern vielmehr mit der Beziehung: Nicht allein einschlafen und aufwachen zu müssen, eine warme Hand, die man halten, eine Nummer, die man anrufen kann. Die Tatsache, dass es jemanden gibt, dem es nicht egal ist, was man den ganzen Tag lang macht. Und mit wem man es macht. Nach unserer Trennung habe ich lange überlegt, was mir darüber hinaus fehlt. Mir fiel ein Tag in unserem ersten Winter ein. Der See im Park war über Nacht zugefroren. Wir machten einen Spaziergang dorthin und er ließ es sich nicht nehmen mit tapsigen Schritten auf das frische Eis zu treten. Ich blieb am Ufer im Schnee stehen, weil ich nicht auf Eis gehen kann (genauso wenig wie auf Gittern oder Glasboden). Ich weiß, dass eine Erinnerung nichts ist, das man an einem Menschen vermissen kann. Man vermisst eine Stimme, einen Geruch oder eine ganz bestimmte Art zu lachen. Doch etwas an dieser Erinnerung, wie er mit ausgestreckten Armen über den See rutschte, wie er hin und her balancierte und schließlich doch hinfiel – fehlt mir. Als würde mir diese Erinnerung nicht mehr gehören, nicht mehr zu ihm oder zu mir gehören, weil das, was wir einmal vorgehabt hatten, enden musste.

Sechsundachtzig Sekunden lang stand sein Auto neben dem Gehweg und wir wechselten die paar Sätze, die von außen betrachtet belanglos wirkten, und die doch für uns so viel mehr bedeuteten. Ich habe ein gutes Gespür dafür entwickelt, zu wissen, wann etwas wichtig sein wird, so dass ich zu Beginn einen Blick auf die Uhr werfen kann, in diesem Fall die kleine Digitaluhr auf dem Armaturenbrett neben der Tankanzeige. Von seinem Bremsen neben dem Gehsteig bis zu unserer Verabschiedung waren es genau sechsundachtzig Sekunden. Ich kenne die Dauer der meisten wichtigen Ereignisse, die uns betreffen. Zwei Stunden und dreizehn Minuten der Streit, nach dem er dann den Außenspiegel an meinem Hoftor abgefahren hatte. Zweiundzwanzig Minuten die Unterhaltung, in der wir beschlossen, uns nicht mehr zu treffen. Sechs Minuten und achtundzwanzig Sekunden bis er mich ansprach, nachdem wir uns in einer Bar zum ersten Mal gesehen hatten. Sechsundachtzig Sekunden das letzte Treffen auf der Straße.

Zum Abschied sagten wir weder „bis bald“ noch „man sieht sich“. Ich lächelte nur und er hob die Hand und legte zwei Finger an seine Stirn, als würde er salutieren. Ich beschloss mir dieses Bild genau einzuprägen und sah es noch vor mir, als er bereits den Blinker gesetzt hatte und weiter die Straße entlangfuhr. Wie seine linke Hand auf dem Steuer ruhte, seine dunklen Augen auf mich gerichtet, die feinen Augenbrauen ein wenig zusammengezogen, das Lächeln, das den Leberfleck im Mundwinkel verschwinden ließ, seine zurückgekämmte Haartolle, die mich an die Sitcomstars erinnerte, die ich als Kind täglich in unser Wohnzimmer gelassen hatte, und die ein paar Wochen später einem neuen Kurzhaarschnitt weichen wird, durch den sein Gesicht dann viel kantiger scheint.

Denn natürlich habe ich ihn auch nach den sechsundachtzig Sekunden auf der Straße noch gesehen. Diese Stadt ist nicht überdurchschnittlich groß und wenn man hinzunimmt, dass wir in derselben Gegend wohnen und dieselben Bars, Kinos und Cafés mögen, ist die Wahrscheinlichkeit sich zu begegnen relativ hoch. Trotzdem war es das letzte Treffen, bei dem wir mit Verständnis aufeinander blickten, bei dem wir behaupten konnten uns zu kennen. Später gab es neue Menschen in seinem Leben, eine neue Arbeit bei mir, eine neue Frisur für ihn. Bis er zu einem anderen Menschen geworden war, jemand, der mir fremd erschien und nicht mal mehr Erinnerungen hervorrief, wenn ich ihm begegnete, so dass ich manchmal versucht war, ihm meine Hand hinzustrecken und meinen Namen zu sagen. Aber das wäre dann doch sehr seltsam gewesen, zumindest für ihn. Für mich nicht. Mir erschien es auf eine gewisse Art und Weise fast logisch.

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