Die neue Jacke.

von Fee

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Im Laden am Eck probiere ich eine Jacke an. Sie ist viel zu groß mit Schulterpolstern und tiefen Taschen und hat sicher einmal einer dicken Frau gehört. Ich schließe den Knopf und ziehe die Jacke mit beiden Händen von meinem Oberkörper weg. Durch den Kragen sehe ich hinunter auf meine Füße. Ob die vorherige Besitzerin ihre Füße noch sehen konnte? Sie muss eine kompakte Frau gewesen sein, ein bisschen eckig fast, wahrscheinlich nicht sehr groß, mit einem ausladenden Busen, über den der Jackenstoff gespannt war, wenn sie den Knopf über dem Bauch schloß. Bestimmt hatte sie viele goldene Ringe an den Fingern. Ich bezahle. Eine Tüte? Nein, danke. Ich ziehe die Jacke gleich über. Es ist kalt geworden. Neulich war noch Sommer, aber damit ist es auch schon wieder vorbei.

Auf der Straße beobachte ich mein Spiegelbild in den Schaufenstern, nur im Vorübergehen und nur aus den Augenwinkeln. Man will nicht zu eitel wirken. Wie wichtig ist das Urteil der Passanten, das in einem Augenblick getroffen und ebensoschnell wieder vergessen wird? Ich mag, was ich aus den Augenwinkeln sehe. Die weite Jacke, die um meinen Körper schlackert, ab und zu zur Seite geweht vom Wind, die storchigen Beine, die darunter hervorragen und nicht so aussehen, als könnten sie etwas so Breitschultriges tragen.

Auf dem Weg durch den Park gibt es Nacktschnecken. Sie kommen aus der Wiese, weil es geregnet hat. Ich achte auf jeden Schritt, steige vorsichtig über sie hinweg. Manche Blätter sehen aus wie Schnecken, zusammengerollt, vom Regen glänzend, manche Schnecken könnten für Blätter gehalten werden. Bloß nicht verwechseln. Das schlechte Gewissen als Kind, wenn es doch eine erwischt hat, ich kann mich noch erinnern. In der Mitte des Parks, da wo die Wege sich kreuzen, bilden sich Pfützen, schon seit Jahren, jedes Mal, wenn es regnet. Weil der Weg verschlammt ist, gehe ich ein Stück durch die Wiese. Das Gras streicht nass über meine Füße in den offenen Schuhen und ich wundere mich, dass ich mich wirklich fast nie frage, ob du auch an mich denkst.

Oben im dritten Stock steht noch die Hitze unter dem Dach. Keiner hat gelüftet, seit der Sommer vorbei ist. Wie in einem Einmachglas bleibt die Luft konserviert. Ich gehe durch alle Zimmer. Es ist still. Niemand ist da, der Lärm machen könnte, niemand, der Radio hört, niemand, der abspült, niemand, der beim Duschen das Wasser auf den Wannenboden prasseln lässt, niemand, der telefoniert und laut wird wegen der schlechten Verbindung, niemand, der im Flur auf und ab läuft und das Parkett knarzen lässt, niemand, der in der Küche vom Herd zum Kühlschrank zum Spülbecken zum Herd geht, niemand, der Geschirr klappern lässt beim Teller in den Schrank räumen, keine Kaffeemaschine, die brodelt, kein Milchtopf, der überkocht, kein Computer, der surrt, kein Boiler, der anspringt, keine Musik, die läuft, kein Fernseher, der plärrt, kein Föhn, der bläst, kein offenes Fenster, das Kindergeschrei und Autogehupe hereinlässt, kein Stimmengemurmel aus dem Nachbarzimmer, das nicht gehört werden soll.

Mir ist warm. Ich ziehe die neue Jacke aus. Als ich sie an die Garderobe hängen will, reißt der Aufhänger. Mit einem leisen Rauschen gleitet die Jacke an der Wand entlang und bleibt in Falten auf dem Boden liegen.

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