Fee Feuer.

Worte. Bilder. Geschichten. Die Wahrheit. Ein paar Lügen. Herz. Blut.

Monat: August, 2012

Koordinatenscherben.

Anhören? Klick:

Es regnet. Die Hitze bleibt in den Straßen stehen. Mein Gesicht schmilzt. Wenn wir uns begegnen, wirst du mich nicht mehr erkennen. Du bist mir jetzt schon fremder als die Alten im Park. Ihr Flüstern drang rau und kratzig aus dem Busch. Ich blieb daran hängen. Ich sitze jetzt häufig mit ihnen unter den Bäumen. Sie haben viel zu erzählen, wenn man ihnen zuhört. Ich habe nichts zu erzählen, also kann ich das: zuhören.

Die Geschichte kann ich auswendig. Ich weiß, wie man sie erzählt. Mit den schönen Stellen und den schlimmen, mit dem Witz und der Tragik, im richtigen Tempo mit den scheinbar so unwichtigen Details. Traurige Geschichten sind die Besten und die, die auch noch ein bisschen krank sind, schlagen ein, wie Zeitungsknüller. Ich habe sie oft genug erzählt, um zu wissen, wie sie funktioniert. Doch ich erzähle sie nicht mehr, denn eins habe ich noch nicht verstanden: dass es meine Geschichte ist.

Gestern wollte ich die Stadt verlassen. Ich habe eine Tasche gepackt, den Fahrplan gelesen, bin zum Bahnhof gelaufen. Ich habe am Bahnsteig gewartet, bin in einen Zug gestiegen, die Türen gingen zu, ich saß, sah aus dem Fenster, die Landschaft flog vorbei, die Sonne als Fixpunkt am Horizont. Doch die vielen Haltestellen machen das Umkehren zum Kinderspiel. Es war dunkel, als ich mich zurück in die Stadt schlich. Auf den Straßen hat mich keiner erkannt.

Das geschmolzene Gesicht tropft auf den Boden. Es zischt ein letztes Mal, als wäre der Boden heiß und das Gesicht ganz kalt. Ich setze eine Sonnenbrille auf, um niemanden zu erschrecken und bleibe auf dem Balkon. Ich röste mich auf dem Liegestuhlgitter, ich trinke alles, was der Kühlschrank hergibt, und er gibt einiges her. Wenn es regnet, spanne ich den Schirm auf, meine Beine werden nass, aber das macht nichts, ich bin ja nicht aus Zucker. Die Scherben, die auf den Fliesen liegen, die du einmal hier zertreten hast, ich kenne ihre Koordinaten. Solange keiner sie zur Seite kehrt, finde ich blind einen scherbenlosen Weg. Ich gehe barfuß, trete auf, Ferse, Ballen, Zeh, mir kann nichts mehr passieren.

Ich sehe in den Spiegel, erkenne das Gesicht, das über Nacht nachgewachsen ist, nicht. Die Wettervorhersage ist wolkenlos. Ich strecke den Kopf aus dem Fenster, sehe direkt in die Sonne und warte.

Keiner weiß.

Anhören? Klick:

Seine Sätze tauchen auf wie Internetseiten, die nicht laden, nicht richtig, nur ein bisschen, ich sehe den Rahmen des Bildes und einen Streifen ganz oben, Baumwipfel, eine Stirn, ein Stück Himmel, und dann lädt es nicht weiter, obwohl ich weiß, da ist noch was, da wäre noch Platz, da müsste es noch mehr geben, solche Sätze spricht er, Sätze, die man neu laden müsste, um sie zu verstehen.

Vielleicht ist das ja das Problem: dass wir immer versuchen zu verstehen, alles und jeden wollen wir verstehen und ich frage mich, was wir dann tun, wenn wir es verstanden haben, ob wir es dann gut sein lassen, ob wir es ruhen lassen, wie einen Hefeteig, der unter dem feuchten Handtuch wächst und ob wir dann von vorne beginnen zu fragen, weil es jetzt größer geworden ist und wir es wieder nicht begreifen können.

Als ich meine Fragen stelle, merke ich, dass es überhaupt nicht um die Anworten geht, dass keine seiner Antworten irgendeinen Unterschied machen könnte. Es geht nur darum, zu formulieren, Worte in den Raum zu stellen, Worte auf ihn zulaufen zu lassen und zu sehen, dass nichts davon ankommen kann, weil der, an den sie gerichtet sind, nicht mehr existiert, wahrscheinlich sogar nie existiert hat. So etwas kann man nicht verstehen: Menschen, die es gibt oder nicht gibt, Dinge, die sich ändern und Auswirkungen haben, wie Milch, die schlecht wird oder Joghurt, der verdirbt.

Keiner weiß, was dem Bild fehlt, dass ich eigentlich etwas anderes fotografieren wollte, etwas, das ich schon damals nicht greifen konnte, dass ich es ließ, deshalb, es sein ließ und die Fassade aussuchte, weil ich so oft Fassaden fotografiere, Hausfassaden, Landschaftsfassaden, Gesichterfassaden, ich bin geübt, ich bin Fassadenspezialist, Fassade geht immer, dachte ich, und drückte ab.

Aber deswegen hat sich auch nichts geändert. Es bringt nichts, den Koffer nicht auszupacken, es bringt nichts, die leeren Flaschen nicht fortzutragen, es bringt nichts, den Teller nicht leer zu essen, im Bett zu bleiben und dem Lichtquadrat zuzusehen, das sich durchs Zimmer manövriert.

Ich habe gelernt, dass man auf so gut wie alles warten kann. Darauf, dass das Wasser kocht. Darauf, dass der Kaffee durchläuft. Auf ein Youtubevideo, das lädt. Auf den Postboten im Treppenhaus, der Bücher bringt, die ich nicht lese, sondern staple. Darauf, dass das krustige Blut von den Wunden abfällt. Darauf, dass die Sonne diesen einen Punkt auf dem Teppich erreicht. Ich kann auf alles warten und dabei warte ich nur auf eines: Dass die Zeit vergeht.

You should see the other guy.