Keiner weiß.

von Fee

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Seine Sätze tauchen auf wie Internetseiten, die nicht laden, nicht richtig, nur ein bisschen, ich sehe den Rahmen des Bildes und einen Streifen ganz oben, Baumwipfel, eine Stirn, ein Stück Himmel, und dann lädt es nicht weiter, obwohl ich weiß, da ist noch was, da wäre noch Platz, da müsste es noch mehr geben, solche Sätze spricht er, Sätze, die man neu laden müsste, um sie zu verstehen.

Vielleicht ist das ja das Problem: dass wir immer versuchen zu verstehen, alles und jeden wollen wir verstehen und ich frage mich, was wir dann tun, wenn wir es verstanden haben, ob wir es dann gut sein lassen, ob wir es ruhen lassen, wie einen Hefeteig, der unter dem feuchten Handtuch wächst und ob wir dann von vorne beginnen zu fragen, weil es jetzt größer geworden ist und wir es wieder nicht begreifen können.

Als ich meine Fragen stelle, merke ich, dass es überhaupt nicht um die Anworten geht, dass keine seiner Antworten irgendeinen Unterschied machen könnte. Es geht nur darum, zu formulieren, Worte in den Raum zu stellen, Worte auf ihn zulaufen zu lassen und zu sehen, dass nichts davon ankommen kann, weil der, an den sie gerichtet sind, nicht mehr existiert, wahrscheinlich sogar nie existiert hat. So etwas kann man nicht verstehen: Menschen, die es gibt oder nicht gibt, Dinge, die sich ändern und Auswirkungen haben, wie Milch, die schlecht wird oder Joghurt, der verdirbt.

Keiner weiß, was dem Bild fehlt, dass ich eigentlich etwas anderes fotografieren wollte, etwas, das ich schon damals nicht greifen konnte, dass ich es ließ, deshalb, es sein ließ und die Fassade aussuchte, weil ich so oft Fassaden fotografiere, Hausfassaden, Landschaftsfassaden, Gesichterfassaden, ich bin geübt, ich bin Fassadenspezialist, Fassade geht immer, dachte ich, und drückte ab.

Aber deswegen hat sich auch nichts geändert. Es bringt nichts, den Koffer nicht auszupacken, es bringt nichts, die leeren Flaschen nicht fortzutragen, es bringt nichts, den Teller nicht leer zu essen, im Bett zu bleiben und dem Lichtquadrat zuzusehen, das sich durchs Zimmer manövriert.

Ich habe gelernt, dass man auf so gut wie alles warten kann. Darauf, dass das Wasser kocht. Darauf, dass der Kaffee durchläuft. Auf ein Youtubevideo, das lädt. Auf den Postboten im Treppenhaus, der Bücher bringt, die ich nicht lese, sondern staple. Darauf, dass das krustige Blut von den Wunden abfällt. Darauf, dass die Sonne diesen einen Punkt auf dem Teppich erreicht. Ich kann auf alles warten und dabei warte ich nur auf eines: Dass die Zeit vergeht.

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