Koordinatenscherben.

von Fee

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Es regnet. Die Hitze bleibt in den Straßen stehen. Mein Gesicht schmilzt. Wenn wir uns begegnen, wirst du mich nicht mehr erkennen. Du bist mir jetzt schon fremder als die Alten im Park. Ihr Flüstern drang rau und kratzig aus dem Busch. Ich blieb daran hängen. Ich sitze jetzt häufig mit ihnen unter den Bäumen. Sie haben viel zu erzählen, wenn man ihnen zuhört. Ich habe nichts zu erzählen, also kann ich das: zuhören.

Die Geschichte kann ich auswendig. Ich weiß, wie man sie erzählt. Mit den schönen Stellen und den schlimmen, mit dem Witz und der Tragik, im richtigen Tempo mit den scheinbar so unwichtigen Details. Traurige Geschichten sind die Besten und die, die auch noch ein bisschen krank sind, schlagen ein, wie Zeitungsknüller. Ich habe sie oft genug erzählt, um zu wissen, wie sie funktioniert. Doch ich erzähle sie nicht mehr, denn eins habe ich noch nicht verstanden: dass es meine Geschichte ist.

Gestern wollte ich die Stadt verlassen. Ich habe eine Tasche gepackt, den Fahrplan gelesen, bin zum Bahnhof gelaufen. Ich habe am Bahnsteig gewartet, bin in einen Zug gestiegen, die Türen gingen zu, ich saß, sah aus dem Fenster, die Landschaft flog vorbei, die Sonne als Fixpunkt am Horizont. Doch die vielen Haltestellen machen das Umkehren zum Kinderspiel. Es war dunkel, als ich mich zurück in die Stadt schlich. Auf den Straßen hat mich keiner erkannt.

Das geschmolzene Gesicht tropft auf den Boden. Es zischt ein letztes Mal, als wäre der Boden heiß und das Gesicht ganz kalt. Ich setze eine Sonnenbrille auf, um niemanden zu erschrecken und bleibe auf dem Balkon. Ich röste mich auf dem Liegestuhlgitter, ich trinke alles, was der Kühlschrank hergibt, und er gibt einiges her. Wenn es regnet, spanne ich den Schirm auf, meine Beine werden nass, aber das macht nichts, ich bin ja nicht aus Zucker. Die Scherben, die auf den Fliesen liegen, die du einmal hier zertreten hast, ich kenne ihre Koordinaten. Solange keiner sie zur Seite kehrt, finde ich blind einen scherbenlosen Weg. Ich gehe barfuß, trete auf, Ferse, Ballen, Zeh, mir kann nichts mehr passieren.

Ich sehe in den Spiegel, erkenne das Gesicht, das über Nacht nachgewachsen ist, nicht. Die Wettervorhersage ist wolkenlos. Ich strecke den Kopf aus dem Fenster, sehe direkt in die Sonne und warte.

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