Kronkorkenfeuer.

von Fee

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Die leeren Flaschen auf dem Balkon haben den Sommer miterlebt und den Herbst und wenn es so weiter geht, werden sie auch noch den ersten Schnee abbekommen. Ich müsste sie in Plastiktüten packen und zum Container tragen, ich sollte eine nach der anderen durch die Gummilaschen schieben und auf den Lärm des berstenden Glases warten und enttäuscht sein, wenn es nicht bricht, wenn es nur poltert und die Flasche als Ganzes im Container liegt, unzerstörbar, unkaputtbar, entgegen aller Wahrscheinlichkeit heile geblieben. Ich wüsste dann, dass es die Flasche war, auf die jemand den Kronkorken wieder draufgedrückt hat, so, gesagt hat, das ist jetzt ausgetrunken, da ist alles rausgeholt worden, was man rausholen kann, und jetzt ist es vorbei, so, vorbei, da machen wir den Kronkorken wieder drauf.

Ich habe noch viel mehr Sachen, die ich in Plastiktüten packen und zum Container tragen möchte, aber sie würden nicht krachen oder poltern, sondern lautlos darin verschwinden. Fotografien, Briefe, Filmrollen, Quittungen und Dinge, die ich nicht beim Namen nenne, weil ich sie nicht in die Hände nehmen und begreifen kann. Nur ab und zu legt jemand seinen Finger darauf, mehr aus Versehen als gewollt, und dann spüre ich: da, genau da sitzt es und löst sich nicht. Ich stelle mir vor, dass gerade diese Sachen explodieren, wenn ich sie durch die Gummilaschen schiebe, dass es knallt und der Container leuchtet, vibriert, Funken sprühen aus den Einwurflöchern und die Nachbarn reißen ihre Fenster auf, strecken die Köpfe heraus und krähen in die Dunkelheit, was denn diese Gestalt da am Container mache, ob sie ihn anstecke, ob sie Krawall mache, ob sie zu einer Straßenbande gehöre und man jetzt nach Einbruch der Dunkelheit draußen nicht mehr sicher wäre. Ich rufe zurück, dass ich nur noch kurz etwas zu erledigen habe, etwas, das ich schon längst hätte tun sollen, dass es gleich vorbei sein wird, so, vorbei und das Feuer im Container wird noch eine Weile durch die Einwurflöcher auf den Gehweg scheinen, aber es wird kleiner werden und bald geht es ganz aus, aus und vorbei, so, vorbei, genau so stelle ich mir das vor.

Die Nachbarn reden viel in letzter Zeit. Sie brauchen keinen Rücken mehr, hinter dem sie tuscheln können, sie posaunen ins Treppenhaus, sie würden diese ständig wechselnden Männerbesuche nicht länger dulden und die knallende Tür sei schon viel zu lange eine Zumutung. Ich drehe mich auf dem Treppenabsatz um und möchte ihnen sagen, dass sie sich um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern sollen, dass sie sich ein Leben besorgen sollen, damit sie was zum drüber reden haben, get a life, will ich brüllen, aber in diesem Haus versteht keiner Englisch, hier spricht man nur Putzplan und Hausordnung. Am allerliebsten aber möchte ich ihnen sagen, wie sehr ich mir wünsche, dass es wahr wäre. Ich wünschte ich würde meine krachende Tür ständig für wechselnde Männerbesuche öffnen, man würde Flaschengeklapper aus meiner Küche hören und Stimmen auf dem Balkon und ich und die wechselnden Männer, wir würden Polonaise durch den Flur tanzen und die Nachbarn würden ihre Besenstiele gegen die Zimmerdecke stoßen, wenn wieder dieser Lärm aus dem Schlafzimmer kommt, der ihnen erzählt, dass sie einsamer sind als ich. Wäre ihr Vorwurf berechtigt, würde ich nicht jeden Tag auf dem Fensterbrett sitzen, auf den Balkon schielen und überlegen, ob ich die Flasche mit dem wiederdraufgedrückten Kronkorken heute zum Container bringe, oder morgen, oder nicht doch lieber nächste Woche oder vielleicht auch überhaupt nie. Aber ich bezweifle, dass die Nachbarn verstehen, wovon ich spreche, wenn ich ihnen von leeren Flaschen mit Kronkorken erzähle, also lasse ich es. Unser Schloß ist kaputt, erkläre ich stattdessen, deswegen kracht es so, die Hausverwaltung wird sich darum kümmern, und nicht jeder Mann, der dieses Haus betritt, landet automatisch in unserer Wohnung, und nicht jeder Mann, der unsere Wohnung betritt, automatisch in unseren Betten. Aber das hören die Nachbarn schon nicht mehr, sie haben mit einem leisen Klicken ihre mit Namensschildern betöpferten Türen in die Schlößer gedrückt.

Meine Tür kracht, als ich sie schließe und ich kann das nachbarliche Kopfschütteln durch den Laminatboden spüren. Ich hole eine Flasche aus dem Kühlschrank und setze mich aufs Fensterbrett und als ich ausgetrunken habe, drücke ich den Kronkorken auf den Flaschenhals und stelle die neue Flasche neben die alte auf den Balkon. So werde ich es von nun an jeden Abend machen und Ende nächster Woche werde ich nicht mehr wissen, welche der ganzen Kronkorkenflaschen denn eigentlich das Original ist. Ich werde sie alle in eine Plastiktüte packen und mich durchs Treppenhaus schleichen und am nächsten Morgen frage ich die Nachbarn, ob sie es mitbekommen haben, der Glascontainer hat gebrannt letzte Nacht, lichterloh, jemand hat die Polizei gerufen und die Feuerwehr, doch keiner, niemand, kein einziger von all den Uniformierten konnte sich erklären, wie es zu diesem Feuer gekommen ist.

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