Grenzgänger.

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Ich lege meine Hände auf die Wand, fühle die Tapete unter meinen Handflächen, fühle den Boden unter meinen Schuhsohlen. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen und drücke einen Finger an die Zimmerdecke. Ich lege meine Hände auf die Wand, zehn Finger nebeneinander, damit ich weiß, wo dieser Raum aufhört und ein anderer beginnt.

Manche Geschichten passieren dir und du kannst nicht viel dafür. Sie passieren wie das Wachsen. Von einem Tag auf den anderen merkst du den Unterschied nicht. Erst am Ende des Jahres, wenn du dich an den Türrahmen stellst und jemand eine Bleistiftlinie über deinen Scheitel zeichnet, dann siehst du das Stück. Du kannst es zwischen Daumen und Zeigefinger nehmen, da, so viel bin ich gewachsen, so viel bin ich größer, es ist einfach so passiert.

Dein Körper ist Schuld. Etwas in dir hat bestimmt, dass du wächst und dass du irgendwann damit aufhörst. Es bestimmt, ob du große Hände oder dünne Finger hast, es bestimmt deine Augenfarbe, dein krauses Haar und die Anzahl der Leberflecken auf deiner Haut.

Mir ist eine Geschichte gewachsen. Ich bin in sie hineingeraten, ohne dass ich mir darüber bewusst war und um dort zu überleben, in dem Kosmos der Geschichte, musste ich lernen zu lügen. Ich kann es gut. Ich kann Alltagslügen, Notlügen, ich kann die Wahrheit als Lüge kaschieren und die Lüge winterfest machen. Ich kann die richtigen Worte finden und die, die nicht gehört werden dürfen, unter den Tisch fallen lassen. Ich kann Freunden ins Gesicht lügen, wenn sie ihre Hände auf meine Schultern legen und die Wahrheit verlangen.

Man gewöhnt sich ans Lügen, so wie man sich irgendwann an alles gewöhnt und ich wusste, dass es zu mir gehört, wie die grünen Augen oder die krummen Knie.

Doch in letzter Zeit scheine ich es zu verlernen. Etwas in mir hat bestimmt, dass ich aufhöre. So wie die Bleistiftlinie auf dem Türrahmen irgendwann nicht mehr nach oben verschoben wurde, habe ich aufgehört zu lügen. Ich bin ehrlich geworden, nicht von einem Tag auf den anderen, sondern schleichend. Man kann an meinem Gesicht und an dem Zittern meiner Hände immer mehr ablesen und bald reicht es nicht mehr den Kopf zu senken und die Hände in den Taschen zu vergraben.

Ich schweige viel seitdem. Die Gewohnheit zu erklären, zu rechtfertigen, ich versuche sie abzulegen. Manche Sätze kommen wie von selbst, sie ziehen andere Sätze nach sich und führen irgendwohin, wo ich nicht mehr hingehöre. Das Lügen ist einfach, eine schlüssige Erklärung, nicht all die Wahrheiten, die zur selben Zeit Berechtigung haben. Ich weiß nicht, welche davon auszusprechen ist, welcher davon ich folgen soll, also schweige ich und weiß einen Moment lang nicht mehr weiter. Ich versuche die Geschichte zwischen Daumen und Zeigefinger zu nehmen: da, so viel bin ich gewachsen, so viel bin ich größer. Und wenn du hier wärst, würde ich meine Hände auf deine Brust legen, damit ich weiß, wo du aufhörst und ich beginne.