Fee Feuer.

Worte. Bilder. Geschichten. Die Wahrheit. Ein paar Lügen. Herz. Blut.

Monat: Mai, 2013

Boots.

Nora

Nora

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Eis, Eis, Baby.

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Der Abend ist jung, wir treffen uns früh. Eine Umarmung zur Begrüßung, wiegehtsunddir, schöndichzusehen, ein Getränk von der Bar, ein Platz in der Menge, wir stehen und dann nichts.

Von einem Fuß auf den anderen treten. Den Blick wandern lassen. Verschämtes Grinsen. Mit feuchten Fingern das Etikett von der Flasche schälen. Eine Hand in die Hosentasche schieben. Auch hier keine Erleuchtung. Ich müsste etwas Aufregendes sagen, etwas Perfektes. Wäre dies ein Trickfilm, ihm müsste der Hut vom Kopf fliegen nach meinem Satz, seine Augen würden aus den Höhlen schnellen und sein Kiefer ungebremst auf den Fußboden knallen.

Doch in meinem Kopf: Nichts außer halbgarer Formulierungen. Jeder Satz eine hohle Bemerkung, die im Sand verläuft. Er nickt, trinkt, schaut. Hand in die Hosentasche. Von einem Fuß auf den anderen. Eis, Eis, Baby. Wir sind mittendrin. Ein Rieseneisbecher mit peinlicher Stille.

Ich wünsche mir einen Talkshowmaster zwischen uns mit Zahnpastalächeln, Haarspraytolle und glitzerndem Revers, der alles, was wir brauchen, von einem Stapel Karten in seiner Hand abliest.

Ich wünsche mir einen Smalltalkcoach, der uns in zehn Schritten – denn alles ist machbar, wenn es in zehn Schritte unterteilbar ist – zum perfekten Gespräch führt, indem er uns lehrt, die richtigen Fragen zu stellen, eine offene, kommunikative Körperhaltung einzunehmen, und bloß nicht über Politik oder Krankheit zu sprechen.

Ich wünsche mir ein Eisbrecherschiff mit meterdickem Rumpf, das sich unter tosendem Krach seinen Weg bahnt und die Eisstücke unter das Festeis schiebt, so dass eine offene Fahrrinne zurückbleibt, in der wir uns bewegen können, den ganzen Abend lang.

Kein Talkshowmaster kommt mit ausgebreiteten Armen herbeigeeilt, kein Smalltalkcoach, kein Eisbrecherschiff. Wir stehen, trinken, schieben Hände in Taschen, treten hin und her. Kein Wort wird uns einfallen. Wir werden die Flaschen leeren, auf dem Tresen stehen lassen. Wir werden auf die Straße treten und nach einer Umarmung zum Abschied jeder für sich entscheiden, uns nicht mehr wiederzusehen.

Jemand schiebt sich durch die Menge, als ich unsere Zukunft schon beschlossen habe, stößt gegen seine Schulter, er stolpert, fällt, sein Getränk schwappt, mein Fuß wird nass, sein Arm an meinem. Erst Schreck, dann Gelächter. Er richtet sich auf, schüttelt die überschwemmte Hand aus. Und wir stehen ohne wandernde Blicke, ohne Hände in Hosentaschen, ohne von einem Fuß auf den anderen zu treten.

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Dieser Text ist für das Magazin Der blaue Salon entstanden. Neben diesem Eisbrecher habe ich auch eine Bildergeschichte beigesteuert. Wer Lust hat durch die Seiten zu blättern, kann sich das sehr schöne Magazin, in dem sich alles um Brüche dreht, hier bestellen.

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